Ludische Hochschullehre
Bauen, Erproben und Reflektieren
Ein theoretischer Gedanke kann beim Bauen eine unerwartete Gestalt annehmen. Eine zunächst schlüssige Erklärung wirft neue Fragen auf, sobald sie in die Regeln eines Spiels übersetzt werden soll. Solche Übergänge zwischen Nachdenken und Gestalten bilden den Ausgangspunkt einer ludischen Hochschullehre.
Spielerische Zugänge schaffen Anlässe, sich mit wissenschaftlichen Fragen auseinanderzusetzen. Studierende entwerfen Modelle, entwickeln Handlungsmöglichkeiten und machen ihre Überlegungen für andere zugänglich. Die dabei entstehenden Gegenstände laden zum Nachfragen ein: Was wird sichtbar? Welche Annahmen stecken darin? Und was lässt sich auf diese Weise nur schwer ausdrücken?
Mit Modellen denken
Mit LEGO® Serious Play® werden Vorstellungen und Zusammenhänge in räumliche Modelle übersetzt. Beim Bauen stellt sich die Frage, wie eine abstrakte Überlegung Gestalt gewinnen kann: Welche Elemente gehören dazu, wie stehen sie zueinander und welche Beziehungen sollen erkennbar werden?
Die Modelle bilden einen Ausgangspunkt für die gemeinsame Auseinandersetzung. Ihre Bedeutung erschließt sich durch die Erläuterungen der Bauenden und die Nachfragen der anderen. Unterschiedliche Deutungen können nebeneinanderstehen, verglichen und weiterentwickelt werden. Dabei bleibt auch interessant, was sich dem Modell entzieht oder beim Bauen zunächst unbemerkt vorausgesetzt wurde.
Lehre gemeinsam weiterentwickeln
Erkundendes Arbeiten braucht einen verlässlichen Rahmen und die Möglichkeit, auf neue Fragen zu reagieren. Ansätze agiler Hochschuldidaktik helfen dabei, längere Arbeitsprozesse in überschaubare Etappen zu gliedern. Entwürfe werden vorgestellt, Rückmeldungen eingeholt und nächste Schritte vereinbart.
So können Studierende ihre Vorgehensweisen überprüfen und an offenen Fragen weiterarbeiten. Auch die Gestaltung der Lehrveranstaltung wird für Rückmeldungen zugänglich. Ziele, Anforderungen und Spielräume müssen dabei nachvollziehbar bleiben.
Digitale Werkzeuge unterstützen diese Zusammenarbeit: Sie können Zwischenstände zugänglich machen, Rückmeldungen ermöglichen und die gemeinsame Arbeit über einzelne Seminarsitzungen hinaus begleiten. Ihr Einsatz richtet sich danach, was die jeweilige Auseinandersetzung benötigt.
Gedanken spielbar machen
Eine weitere Form der Auseinandersetzung ist die Entwicklung eigener Videospiele. Mit GB Studio gestalten Studierende Spiele im Format des Game Boy. Dabei wird eine inhaltliche Frage zu einer Gestaltungsaufgabe: Welche Situationen sollen erfahrbar werden? Was dürfen Spielende tun? Welche Folgen haben ihre Entscheidungen?
Die begrenzten Darstellungsmöglichkeiten verlangen eine begründete Auswahl. Was muss erhalten bleiben, damit ein Zusammenhang verständlich wird? Was geht durch die Vereinfachung verloren? Figuren, Dialoge, Räume und Regeln müssen so aufeinander bezogen werden, dass die zugrunde liegende Idee im Spielen zugänglich wird.
Andere lassen sich auf die Entwürfe ein und bringen eigene Lesarten mit. Beim Erproben zeigt sich, ob beabsichtigte Zusammenhänge erkennbar werden oder ob das Spiel Fragen aufwirft, mit denen seine Gestaltenden nicht gerechnet haben. Solche Beobachtungen geben Anlass, sowohl den Entwurf als auch die eigenen Überlegungen erneut zu prüfen.
Gestaltung und Reflexion verbinden
Gestalterische Prüfungsformate eröffnen Möglichkeiten, die Auseinandersetzung mit einem Gegenstand auf unterschiedliche Weise sichtbar zu machen. Zum entstandenen Modell oder Spiel gehört die Erläuterung der fachlichen Überlegungen: Welche Entscheidungen wurden getroffen, welche Alternativen verworfen und wo liegen die Grenzen der gewählten Darstellung?
Gerade angesichts generativer KI gewinnt die nachvollziehbare Begründung des eigenen Vorgehens an Bedeutung. Zwischenstände, Rückmeldungen und Überarbeitungen können dabei ebenso aufschlussreich sein wie das fertige Ergebnis. Für die Bewertung braucht es transparente Kriterien, die fachliche Durchdringung, gestalterische Entscheidungen und Reflexion aufeinander beziehen.
Spielräume mit Anspruch
Spielerisches Arbeiten braucht Zeit zum Ausprobieren und die Möglichkeit, einen Entwurf zu verwerfen. Dafür sind klare Aufgaben, zugängliche Materialien und Rückmeldungen nötig, an denen sich weiterarbeiten lässt. Unterschiedliche Vorerfahrungen im Bauen, Gestalten oder Umgang mit Technik müssen bei der Planung berücksichtigt werden.
Der Anspruch ludischer Hochschullehre liegt darin, solche Spielräume für eine genaue Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Fragen zu eröffnen. Im Entwerfen, Erproben und Besprechen können die eigenen Vorstellungen greifbar werden – und damit auch veränderbar.
